Kirchenbücher per Computer abzurufen und auszuwerten dürfte die Zukunft sein. Weniger Suchaufwand und Sicherheit vor Verlust sprechen dafür. Doch es ist heute (2001) eine große Angst bei den Kirchenbeamten, durch solch eine Aktion mit einem Knäuel undurchsichtiger Gesetze in Konflikt zu geraten.


Die Kirchenbücher als Datenbank

Pro und Kontra
Abschreibe-Arbeit
Aufbereitung und Fehlerkontrolle
Zusammenfügen von Tauf-, Hochzeits- und Sterbeeinträgen

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Das Aufbereiten der Kirchenbücher in elektronische Form ist gewiss ein Vorgang, an dem in Zukunft kein Weg vorbeiführen wird - wenn diese Zukunft auch nur annähernd eine Fortsetzung der Gegenwart sein wird. Erheblich DAFÜR spricht, dass mit der Vervielfältigung dieser Daten erstmals eine Datensicherung erfolgt. Ebenfalls dafür spricht, dass zeitraubendes Blättern in den Büchern durch Leute, die die alte Schrift noch lesen können, nicht nur die Bücher abnutzt. Es ist auch eine Verschwendung der Zeit, die dem einzelnen gegeben ist. Eine heute nicht mehr nötige Verschwendung. Darüber hinaus dürfte natürlich aus der durchdachten Aufbereitung dieser Daten mancherlei interessante Erkenntnis zu gewinnen sein.

Trotzdem steht dieses Vorhaben auch unter merklicher Kritik! Die Landeskirche hat sich heftig ablehnend dazu geäußert, da der Datenschutz verletzt werde. Vom Staatsarchiv kam ebenfalls eine ablehnende Haltung, allerdings liegt das schon ungefähr fünf Jahre zurück. Die Begründung: Mit viel Aufwand werden Datensammlungen erzeugt, die so unzweckmäßig angelegt sind, dass das Umarbeiten mehr Arbeit macht als das Abschreiben. Auch aus der Kirchgemeinde des Ortes hörte man (wenn auch vereinzelt) Kritik: Wenn jeder an diese Daten heran könnte, würde das Pfarramt eine wichtige Einnahmequelle verlieren.

Pro und Kontra

Da die kritischen Stimmen zu diesem Vorhaben zur Zeit offenbar überwiegen (zumindest, was ihren politischen Einfluss anbelangt), scheint es mir sinnvoll, den angeführten Argumenten nachzugehen; sowohl denen pro als auch denen kontra einer solchen Erfassung.

Kontra: Datenschutz

Aus dem vielfachen Missbrauch von gesammelten Personendaten in den letzten Jahrzehnten entstand eine allgemeine Angst vor zuviel Transparenz, vor dem gläsernen Bürger, vor dem Überwachungsstaat. Diese Angst war es die im Wesentlichen zu den heutigen Datenschutzbestimmungen führte. Leider ist die Entwicklung auf dem Gebiet der Datenverarbeitung derart rasant, dass neue Gesetze dazu fast immer an der Realität vorbeigehen. Beispielsweise Dinge reglementieren, die so nicht mehr existieren. Eine Flut von Prozessen wegen unterschiedlichen Ansichten zu Datenverarbeitung und Datenschutz beschäftigt die Gerichte. Es ist eigentlich kein Wunder, dass in Computerzeitschriften ständig Fälle veröffentlicht werden, wo richterliche Entscheidung scheinbar harmlose Dinge unter Strafe stellt.

Aus diesem Zustand ist in den Reihen der Beamten und Verwaltungsangestellten (auch bei der Kirche) eine allgemeine Angst entstanden, elektronisch Daten zu erfassen. Diese Angst ist wahrscheinlich eine viel stärkere Triebkraft, hier zu bremsen, als eine konkrete, begründete Sorge um Missbrauch. Aber ist ein Missbrauch der im konkreten Fall erfassten Daten überhaupt denkbar? Das Landeskirchenamt bejaht das: Die Mormonen (eine in den USA verbreitete Sekte) sammeln Daten über Verstorbene, um sie erneut zu taufen nach ihren Regeln. Aber selbst in Kirchenkreisen gilt das nur unter sehr engstirnigen Leuten (Fundamentalisten) als wirklich gefährlich.

Und sonst? "Die Datenschutz-Gesetzgebung verbietet es", ist das lapidare Argument zur Ablehnung. Das ist weder sehr hilfreich noch sehr überzeugend. Es ist lediglich der sicherste Weg für den Verwaltungsmitarbeiter, Konflikte zu vermeiden.

Kontra: Unnötiger Aufwand

Dieses Argument ist gewiss nicht von der Hand zu weisen. Gut programmierte Erfassungssoftware könnte die Zeit gewiss halbieren, die heute Mitarbeiter zum Abschreiben brauchen! Neun Zehntel der Zeit einsparen, die zum Aufbereiten erforderlich waren! Und mit mächtigen Abfragewerkzeugen richtig viel brauchbare Information gewinnen. Nur - solche Software gibt es eben nicht. Die wenige Kraft, die Staatsaarchiv und Landeskirchenamt dafür erübrigen können, wird auch auf absehbare Zeit kein Ergebnis bringen; man sieht es an anderer kirchlicher Software: Wenn sie verfügbar ist und für eine breite Verwendung stabil genug läuft, gibt es die erforderliche Technik nur noch auf dem Flohmarkt ... und Mitgliederverwaltung oder Kirchgeldabrechnung sind gewiss wichtiger als das Erfassen von Kirchenbüchern. Wenn also die ganze Angelegentheit noch einige Jahrzehnte Zeit hätte, wäre ein Aufschieben durchaus überlegenswert.

Kontra: Verlust von Einnahmen

Der Auszug aus dem Kirchenbuch kostet beispielsweise jetzt 6 DM. Selbst wenn man die Lohn- und Gemeinkosten für den Kanzleiangestellten mit 25 DM/Stunde niedrig ansetzt, bleibt für solch einen Auszug eine Viertelstunde. Darin enthalten ist das Gespräch mit dem Suchenden, das Suchen in Register und Buch, die Abschrift und das Bezahlen. Erfahrungsgemäß ist das eine knapp bemessene Zeit; zusätzliche Einnahme wird nur daraus, wenn der Mitarbeiter dafür seinen Arbeitstag verlängert.

Kontra: Authentizität der Daten

Eine solche Sammlung von Daten verführt zu blinder Gläubigkeit. Das ist kein Problem, solange jemand Ahnen sammelt wie andere Biergläser. Fragwürdig wird die gewonnene Information erst, wenn man damit erforschen will, wie Vererbung verlief. Gab es etwa in den vergangenen Jahrhunderten keine Seitensprünge, kein Fremdgehen? Wenn im vergangenen Jahrhundert fast ein Viertel der Kinder unehelich geboren war im Ort, wie sicher ist dann die Aussage, dass ich mit jenem Hans von 1621 blutsverwandt bin?

Auch mit Irrtümern muss man rechnen. Schließlich waren auch die Pfarrer nur Menschen. Beim Abschreiben werden erneut Fehler eingefließen. Viele davon kann eine Aufbereitung zu Tage bringen - doch wievel neuen Unsinn produzierte sie? Findet das Berücksichtigung, dann sollten auch die Forscher auf ihre Kosten kommen.

Pro: Datensicherung

Die Sicherung der Kirchenbücher gegen Verlust durch Diebstahl, Beschädigung oder Vernichtung macht augenscheinlich allen, die sich darum kümmern müssen, Kopfzerbrechen. Die Zeit ist längst vorbei, wo ein gewisses Tabu diese Bücher schützte; ebenso die Zeit, in der sie als wertloser Plunder galten. Man muss heute ganz objektiv einschätzen, dass ein Kirchenbuch auf dem schwarzen Markt einen erheblichen Wert darstellt. Einen Wert, für den sich internationale Banden in Bewegung setzen. Dem steht die Sicherung solcher Bücher in wurmstichigen Schränken hinter den Papptüren der Kirchenkanzlei entgegen; zu der jede Menge vertrauenswürdiger Leute Zutritt hat. Von denen dann doch dieser oder jener vergisst abzuschließen.

Die Gefahren, die diesen Büchern durch Feuer, Leitungswasser oder Unwetter drohen, sind nicht so neu. Aber auch sie existieren ganz real und haben in den Jahrhunderten vor uns genug Verluste verursacht. Es kommt aber seit kurzer Zeit ein weiteres schwerwiegendes Übel auf die Kirchenbücher zu. Mehr und mehr Kirchenkanzleien bekommen eine Heizung. Nachts ist es kalt, Tags warm. Und hinterm Aktenschrank sammelt sich die Feuchtigkeit an einer schlecht isolierten Mauer. Die Kirchenbücher werden in der kalten Jahreszeit merklich feuchter; und damit anfälliger für Pilze und Insekten. Was für die Akten eines Jahres oder Jahrzehnts ohne Bedeutung ist, bringt die für Jahrhunderte bestimmten Kirchenbücher in Jahrzehnten um.

Pro: Mehr Einnahmen für die Kirche

Mit elektronischen Daten ist es möglich, einen Kirchenbuch-Auszug innerhalb von zwei, drei Minuten zu erstellen. Bleibt die Kirchgemeinde bei 6 DM pro Auszug (und spricht sich herum, dass Auszüge gleich gemacht werden und nicht erst sechs Wochen liegenbleiben), könnte das durchaus richtiger Gewinn sein. Man soll sich aber davor hüten, dieses Ergebnis dem Aufwand gegenüber zu stellen!

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Bei allem Pro und Kontra: Nirgends las man bisher von einem Fall, wo die Preisgabe von Daten der Vorfahren jemandem einen materiellen oder ideellen Schaden zugefügt hätte. Die Mormonen? Das ist wohl eher ein Fall zum Lächeln, nicht zum Kämpfen! Aber die Sicherheit, einmaliges Wissen um unserer Vergangenheit auch bei einem Brand oder Einbruch nicht zu verlieren, die Möglichkeit, um familiäre Bindungen in Jahrhunderten vor uns zu wissen - DAS ist wohl ein Fall zum Kämpfen!

Muss man es eigentlich Christen (die Entscheider in diesem Fall sind es ganz sicher!) noch extra sagen, dass der Glaube an Gott auch das Vertrauen auf Gott einschließt? Offenbar. Statt vor dem Lauf der Welt zu zittern, sollte man erwarten, dass sie mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Mit Vertrauen darauf, dass Gott sie nicht allein lässt mit ihren Sorgen und Problemen.

Das Abschreiben

Muss man denn überhaupt abschreiben? Schließlich gibt es heute schon Programme, die nach einigem Training Handschriften lesen können. Wäre nicht ein digitales Fotografieren in guter Qualität mit anschließender Texterkennung sehr viel einfacher?

In der Theorie vielleicht schon. Tatsächlich stehen aber fast unübersteigbare Hürden vor solch einem Vorhaben:

  1. Hunderte verschiedener Handschriften finden sich in den Kirchenbüchern. Die saubere Schulschrift der Pfarrfrau vor fünfzig Jahren könnte man so gewiss elektronisch lesen. Leider ist sie die absolute Ausnahme. Die Pfarrer, Schulmeister, Kanzleimitarbeiter vergangener Zeiten schrieben nicht nur "deutsche" Schreibschrift, sie schrieben auch mit Vorliebe winzige Kleinbuchstaben (1mm hoch, bei einer Feder von ½mm Breite) zu riesigen, verschnörkelten Anfangsbuchstaben über sieben Zeilen. Gelegentlich flochten sie ein wenig Latein ein, natürlich mit "lateinischen" Buchstaben, oder was man zu jener Zeit dafür ansah.
  2. Man schrieb früher mit brauner Tinte. Verblasste braune Tinte auf braun gewordenen Blättern ist gewiss kein einfacher Fall für einen Computer: welches Braun ist Schrift, und welches ist Patina?
  3. Da die Einträge sich jahrelang sehr ähnelten, verwendete man Abkürzungen. Man wusste halt, das "c. ser." cum sermone, also komplette Trauung hieß. Allerdings gibt es ziemlich viel Möglichkeiten, einen Sachverhalt deutsch oder lateinisch abzukürzen. Heutige Textprogramme suchen nicht nur nach Zeichenmustern, sie versuchen auch, die Worte oder gar ganze Sätze aufzulösen, um die Nacharbeit gering zu halten. Welches Programm kann das schon für jeden Ort und jede Epoche bereithalten?

Tatsächlich dürfte eine Software, die alte Urkunden lesen kann, noch merklich auf sich warten lassen. Nicht nur, dass solch ein Programm die Schrift erkennen muss, es muss auch eine ungeheure Menge an Wissen über die damalige Kanzleipraxis mitbringen. Das erstere könnte vielleicht in den Staatsarchiven von Bund oder Ländern eines Tages entstehen. Das Letztere jedoch werden die Kirchen in Deutschland wohl kaum je finanzieren können.

Man muss auch bedenken, dass man für die Entwicklung solcher Software nicht beliebig Zeit hat: Wenn das entwickelte Programm einsetzbar ist, muss es auch die Computer noch geben, auf denen es läuft. Das ist nicht selbstverständlich, einige Kirchen-Programme zeigen das.

Viel schwerer aber spricht ein anderes Argument gegen eine Texterkennung: Wenn man den Inhalt der Bücher auswerten will, muss man ihn strukturieren. Also nicht als Fließtext, sondern als Datenbank speichern. Nur zu wenig Zeiten war es allerdings üblich, das Kirchenbuch "strukturiert", also in Form einer Tabelle zu führen.

Man wird es den Technik-Enthusiasten sagen müssen: In absehbarer Zeit - vielleicht zwanzig oder fünfzig Jahren - braucht man auf solch eine Lösung nicht ernsthaft zu warten.

Also bleibt das computergestützte Abschreiben: Gut geeignet ist dafür eine einfache Datenbank - welche, ist ziemlich unwichtig. Hauptsache, man kann Funktions- oder Makrotasten mit den häufigsten Wörtern belegen: Johann, Christiane, Müller, in der Stille ... In Krumhermersdorf übernahm das eine ABM-Beschäftigte

Die Arbeitsschritte zum Erstellen von drei Datenbanken: Taufen, Hochzeiten, Gestorbene

Der Autor benutzte für diesen Arbeitsgang ein Tabellenkalkulationsprogramm. Einige der folgenden Schritte zur Datenaufbereitung sind mit einer "richtigen" Datenbank viel komplizierter zu bewältigen. Eine abschließende Lösung für den Umgang mit den gewonnenen Daten ist das noch nicht, wie weiter unten dargelegt wird. Was war nun konkret zu tun, um die vorliegende Datenhalde benutzbar zu machen?

An dieser Stelle angelangt, kann man durchaus schon kleine Abfrageprogramme schreiben (der Autor machte es beispielsweise so, um den EDV-Laien zu zeigen, was selbst in solch einem frühen Stadium möglich ist). Der Nachteil daran ist, dass der Computer ständig die gesamte Tabelle im Zugriff halten muss, was ihn bremst und der Sicherheit der Daten nicht gerade zuträglich ist: Es könnte einer versehentlich in die Datenbank schreiben. Außerdem ist zu bedenken, dass das benutzte Tabellenprogramm gewiss in zehn Jahren kaum noch verwendbar ist.

Daten zusammenfügen

Alls bisherige war Vorgeplänkel. Der entscheidende Schritt kommt jetzt erst: Aus drei mach Eins. Taufen, Hochzeiten und Geburten sollen miteinander verkettet werden. Dazu gibt es (mindestens) zwei Lösungen. Der Datenbank-Experte wird ganz spontan vorschlagen, in jeder Datenbank ein eindeutiges Indexfeld einzurichten, beispielsweise die Nummer des Geburtseintrages. Bei der Abfrage müssen dann aus diesen drei Datenbanken die passenden Daten herausgezogen werden.

Die nötigen Abfragen werden eine Recherche unflexibel machen. Daher hat der Autor einen anderen Weg eingeschlagen: Es entsteht eine vierte Datenbank (und nur diese wird später von Interesse sein). Ein Satz betrifft hier eine Person mit einer eindeutigen Personenkennzahl, hier eine Zahlenfolge aus JahrMonatTag der Geburt, 0 für weiblich, 1 für männlich, und eine Zählziffer zur Unterscheidung von Leuten, die am gleichen Tag geboren sind (1702121711 ist also der erste Junge, der am 17.12.1702 geboren wurde). Statt der Eltern stehen deren Kennziffern, ebenso statt der Ehepartner und Kinder. So wird die Datenbank nicht nur kürzer, sie wird auch eindeutiger. Um es vorwegzunehmen: Für die Darstellung einer Familie gibt man die Bezugsperson an, und über die Kennzahlen von Eltern, Partnern und Kindern findet man deren Namen und Daten und kann sie drumherum anordnen.

Man kann das sogar mit dem o.g. Tabellenprogramm machen: Immer, wenn man eine Person anklickt, wird sie zu Hauptperson, um die sich erneut Eltern, Partner und Kinder scharen. Man kann, sollte aber nicht - siehe oben.

Um solch eine Datenbank zu erstellen, ist Programmierung unerlässlich. Jeder Satz in Hochzeiten oder Todesfällen muss geprüft werden, ob er mit einem Satz der Taufen korrespondiert, muss mit der passenden Kennzahl versehen werden. Schließlich muss daraus die vierte Datenbank erstellt werden.

Tatsächlich ist das eine Aufgabe, die kaum vollständig automatisierbar ist. Es ist auch eine Aufgabe, die geradezu nach ortsübergreifender Zusammenarbeit ruft. Alles, was hier "vor Ort" geleistet wird, ist gewiss unersetzbar wichtig, bleibt jedoch Stückwerk ohne diese Zusammenarbeit. An der es (siehe oben) nicht nur merklich fehlt, die vielmehr merklich unerwünscht ist.


So bleibt aus heutiger Sicht das Ergebnis noch völlig offen: Wird man in absehbarer Zeit Vorfahren im Internet recherchieren können? Wird man das von einem Punkt aus tun können, auch wenn ein Vorfahr in den Nachbarort zog? Und wenn überhaupt: Wird man es dürfen? Wird man es bezahlen können, wenn man darf? Solcher Pessimismus ist offenbar nicht völlig unbegründet ...

September 2001