Nach sozialistischer Theorie hätte die BRD untergehen müssen, nicht die DDR. Man sollte annehmen, dass die Theorie falsch war, oder?


Das Ende der DDR -
das Ende des leninschen Sozialismus

Nach der Theorie war die DDR der zukunftsorientierte Teil Deutschlands; und die BRD eine absterbende Gesellschaftsform.
»Ein Sechstel dieser Erde wird bereits vom Kommunismus regiert. Bald wird es ein Siebentel, ein Achtel, ein Zehntel sein ... «
(Angeblich von W. Ulbricht)
Und zwar aus einem einleuchtenden Grund: In der DDR wurde anerkannt, dass die gesellschaftliche Entwicklung allgemeinen Gesetzen unterworfen ist. Dass diese Gesetze objektiv sind und nicht per Dekret unterlaufen werden können. Und dass sich die DDR das Wirken dieser Gesetze zunutze machte. - Die BRD hingegen leugnete solche Gesetze und trieb daher blind ihrer Zersetzung entgegen.

Die Tatsachen aber sind ein hartnäckig Ding ... wenn es also dererlei Gesetzmäßigkeiten gibt, müssten sie auch verraten können, warum die DDR unterging und nicht die BRD. Allgemeiner: Warum der Sozialismus um 1990 in eine solch tiefe Krise geriet, dass er in Europa verschwand. Man kann sich die Erklärung einfach machen wie die (west)deutsche Regierung (1): Der Sozialismus ging an seiner Uneffektivität zugrunde. Wir wussten das schon lange! Oder wie dieser oder jener Ewiggestriger aus der DDR: An allem sind Gorbatschow und Honecker schuld.

Es scheint mir dagegen wichtig, dass man ergründet, welchen Anteil am Ende des Sowjetsozialismus eine unfähige Führungsschicht hatte, welche Grundsätzlichkeiten falsch waren und ob der Kapitalismus beteiligt war. Um zu wissen, welche grundsätzlichen Fehler beim nächsten Versuch zu einer besseren Gesellschaft vermieden werden müssen.

Erich ist gestorben. Also ist Staatstrauer.
"Sagt mal, Kinder", fragt der Lehrer in der Schule, "wer weiß denn, was Trauer ist?"
Marie: "Mein Vati ist neulich mit'n Trabbi an Baum gefahren, aber da war er traurig!" - "Naja, eigentlich ist das mehr ein Schaden, keine Trauer."
Lieschen: "Meine Mutti hat letzte Woche ihren Ring verloren, aber da war sie traurig!" - "Naja, eigentlich ist das mehr ein Verlust, keine Trauer."
Fritzel: "Der Erich Honecker ist gestorben; aber das ist wirklich Trauer, und kein Schaden und kein Verlust!"
Ja, Honecker war unfähig als Politiker. Ein Staatschef, der eine aufkommende revolutionäre Situation nicht bemerkt, verdient keine andere Bezeichnung. Immerhin wurde er zur Nummer Eins in der DDR, also hielten ihn seine Mitstreiter für den am besten Geeigneten. Wie der Herre, so 's Gescherre ... Nach dem Krieg gab es kaum Möglichkeiten, erst intensiv zu studieren, ehe die aktivsten Hitlergegner regieren sollten. Dann aber waren 40 Jahre Zeit dazu - die nicht genutzt wurden. In diesen vierzig Jahren gab es nur drei Staatschefs: Pieck, Ulbricht und Honecker. Insbesondere Honecker blieb einfach zulange im Amt, um nicht betriebsblind zu werden (2).

Auf allen Ebenen wurden Leiter nur von oben her berufen. Im Normalfall gab es nicht mal Auswahlverfahren, sondern ein Vorgesetzter bestimmte, wer berufen wurde. Kein Wunder, daß der schleimende Typ ohne Fantasie Normalfall war als Leiter (3). Auch kein Wunder, dass all diese Leiter 1989 auf Anweisungen von oben warteten, statt aktiv zu werden.

Aber es hing nicht nur am Mangel an Persönlichkeiten. Marx hatte eine ganze Menge ökonomischer Zusammenhänge offengelegt, die in seiner kapitalistischen Gesellschaft wirkten. Er selbst bezeichnete sie als universell - in der DDR aber galten sie ausschließlich für den Kapitalismus. Eine objektive und kritische Anwendung auf die DDR galt als politisch bedenklich bis zu strafrechtlich relevant und wurde daher heftig unterdrückt. Natürlich konnte man so nicht zu realistischen Erkenntnissen über den Zustand der DDR-Gesellschaft kommen (4). Und erst recht nicht auf die kritische Entwicklung von 1988 an reagieren. Es gilt noch ein Drittes: Im Sozialismus wurde vieles in Moskau geregelt, was man im Kapitalismus dem Gutdünken des Einzelnen überließ. Das war kein Detail, das war Prinzip. Damit vermied man unnötige Vielfalt, wo sie nicht erforderlich war; damit bekamen aber auch staatliche Fehlentscheidungen landesweiten Charakter. Im Ganzen verlief der technische Fortschritt langsamer; oft auch übersichtlicher und kontrollierbarer. Eben anders als im Kapitalismus. Er musste langsamer verlaufen! - Das entsprach jedoch nicht den Voraussagen der Sozialismus-Theorie!

In historisch kurzer Zeit sollte der Sozialismus alle Völker von sich überzeugen. Dazu musste er nicht nur humaner, er musste auch effektiver als der Kapitalismus sein. Er musste die besseren Waren schneller und billiger produzieren können! Etwa seit der Mitte der 60er Jahre nahm man in Angriff, Leistungsprinzipien in die Wirtschaft einzubringen. Also Prinzipien, die als Maßstab der Arbeit deren Verkaufswert setzten. Es dauerte gewiss über zehn Jahre, bis sich Probleme im großen Maßstab zeigten: Entweder bauten die Betriebe einen neuen Betriebskindergarten, oder sie kauften für das Geld eine hocheffektive Maschine. Das Problem stand grundsätzlich vor jedem Betriebsleiter, vor jeder Betriebsparteiorganisation. Anfang der 80er Jahre war klar, dass man nur dann effektiver arbeiten konnte als der Westen, wenn die Priorität eindeutig bei der neuen Maschine lag. Nicht nur der Betriebskindergarten kam unter die Räder, auch Kantine, Werksgebäude, Transporttechnik!

Das Leistungsprinzip ist im Kapitalismus bis ins letzte Detail durchgesetzt. Wollte man nicht alle sozialistischen Errungenschaften aufgeben, musste man Abstriche daran machen. Auch damit war Westniveau prinzipiell nicht mehr erreichbar. Im Gegenteil, der Leistungsabstand musste mit der Zeit wachsen. Da man nicht erkannte, dass es sich um ein Grundsatzproblem handelte, orientierte man andererseits das Volk darauf, dass kapitalistischer Lebensstandard nur noch eine Sache weniger Jahrzehnte und hoher Zusatzleistungen sei. In den 80er Jahren wurde das Vergleichen perfektioniert: In der DDR wurde eigentlich jedes Produkt am Weststandard gemessen.

Das Schweigen der Regierung zu den Massenfluchten 1989 war wohl der eigentliche Anlass für die Wende. Die Ursache aber dürfte gewesen sein, dass Unmögliches versucht wurde. Also dass auch ohne die Lügenseite 3 im Neuen Deutschland diese Art von Sozialismus zum Scheitern verurteilt war: Ein Sozialismus mit kapitalistischer Produktionsweise.

Es war damals für die allermeisten ganz sicher nicht vorauszusehen, welche Folgen die Entscheidung für das Leistungsprinzip haben würde. Das Leistungsprinzip stand im Widerspruch zur Orientierung auf die Bedürfnisse der Menschen! Eines ging auf Kosten des anderen! Es war im Prinzip eine Absage an das Grundprinzip des Sozialismus: Im Mittelpunkt aller Tätigkeit steht der Mensch.

Aber es gab doch immer noch die dominierende Rolle des Volkseigentums? - Ja gewiss. Doch wo lag der Unterschied zum westlichen Staatsbetrieb? Die Bezeichnung Volkseigentum traf einfach nicht zu. Den Eigentümer erkennt man an einer grundsätzlichen Verfügungsgewalt über eine Sache. Aber das DDR-Volk (und auch das anderer sozialistischer Länder) hatte wirklich keinerlei Einfluss (5) darauf, was die Regierung mit diesem Volkseigentum tat.

Mit den Worten der vergangenen Gesellschaftsform: Im Sozialismus gab es auch Klassen, die sich unterschieden durch ihre Stellung zu den Produktionsmitteln:

Haste schon gehört, die wolln die Kaufhalle aufstocken!
Quatsch, die ham doch schon jetzt nichts zum Verkaufen!
Doch, ist wirklich wahr, obenrein kommt ein Museum für Obst und Gemüse!
Zwar war die Verfügungsgewalt der SED-Kader durch manche Gesetze beschränkt, doch wurden diese in den 80er Jahren immer mehr aufgeweicht. Das Volk hätte Obst, Auto-Ersatzteile, Baumaterial gebraucht. Und gewiß auch herstellen lassen, wenn es gekonnt hätte. Die führende Klasse stellte Billigprodukte für den Westen her, um hochwertige Westprodukte (nur für sich) kaufen zu können.

Die selbständigen Handwerker (offiziell eigentlich ein Relikt und demnächst abzuschaffen) waren dabei die potentiellen Bündnispartner der SED-Kader:
Was ist schwarz, fliegt durch die Luft und hat kein Westgeld?

Na, ein Pechvogel natürlich!
Der Elektriker verlegte Leitungen im Ferienheim der SED, und (wenn Zeit blieb) danach im Altbau bei der Arbeiterfamilie. Er kam schließlich nur noch, wenn der Arbeiter mit Westgeld winkte. - Mancher Handwerker schimpfte über diese Zustände. Aber er blieb den SED-Kadern treu, da er keine andere Wahl hatte.

Die Arbeiter und Bauern hatten keinen Interessenvertreter mehr. Als sie sich mit dem Neuen Forum einen solchen schufen, überrollte sie die Geschichte. Ehe das Neue Forum zu einem Machtfaktor werden konnte (7), griff die bestens organisierte Klasse der (westlichen) Kapitalisten zu und übernahm die Macht. Das Neue Forum lief ins Leere.

 
  1. Man liest und hört heute relativ viele Kommentare und Meinungen dazu. Sie stammen fast ausschließlich aus dem Bereich der Parteien. Der Grundton dabei ist im allgemeinen immer noch mehr oder weniger gehässig wie zu Zeiten des Kalten Krieges: Es gehört dazu, in diesem Zusammenhang von Unterdrückung, Unfähigkeit und Verbrechen zu sprechen. Ausnahme ist lediglich die PDS (Nachfolgerin der SED), die es bei Unfähigkeit beläßt. Einer Ursachenforschung dienen diese Kommentare nicht. Dazu sind sie aber auch nicht gedacht! Vielmehr stört es die Parteioberen, dass in den "neuen Bundesländern" so eine gewisse Grundstimmung vorhanden ist wie naja, früher hatten wir auch ganz schön Probleme, aber solche Sachen wie die Kriminalität und Arbeitslosigkeit jetzt, das gabs bei uns nicht. - Man kann die Veröffentlichungen zu diesem Thema fast zu hundert Prozent vergessen!
  2. Kohl ist auf dem besten Weg, dieses Schicksal zu teilen.
  3. Es gab auch andere ... treffen sich doch zwei im Magen des Leiters: "Na", fragt Mucki, "hat dich der Chef auch gefressen?" - "Nein", antwordet Schleimi, "ich komme von der anderen Seite ... "
  4. Erstaunlich und tragisch, dass sogar dieser Sachverhalt von Marx vorausgesehen wurde: Die herrschende Klasse ist objektiv in ihrer Erkenntnis eingeschränkt, wenn es um Dinge geht, die ihren derzeitigen Zustand in frage stellen.
    Mit der DDR-These, es gäbe keine Klassen mehr, sollte dieser Satz ad acta gelegt sein. Doch die betreffenden Gesetze wirkten objektiv und unabhängig. Was zu beweisen war ..
  5. Als Gorbatschow 1987 laut über ein Wählen von Leitern (und auch ein Absetzen) durch eine Art Betriebsrat nachdachte, sagte der DDR-Chefideologe Kurt Hager klar und eindeutig, dass solche Dinge für die DDR nicht in Frage kämen.
  6. Der Begriff "Eigentum", den Marx verwandte, erklärt ja eigentlich, wer über eine Sache bestimmte.
  7. Das Neue Forum war zunächst wirklich eine Arbeiterpartei. Dazu passte nahtlos die Forderung, den Sozialismus nicht aufzugeben. Und dazu passte auch, dass ein hoher Prozentsatz einfacher SED-Mitglieder dabei war.

1998