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Nach sozialistischer Theorie hätte die BRD untergehen müssen, nicht die DDR. Man sollte annehmen, dass die Theorie falsch war, oder? |
Nach der Theorie war die DDR der zukunftsorientierte Teil Deutschlands; und die BRD eine absterbende Gesellschaftsform.
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Die Tatsachen aber sind ein hartnäckig Ding ... wenn es also dererlei Gesetzmäßigkeiten gibt, müssten sie auch verraten können, warum die DDR unterging und nicht die BRD. Allgemeiner: Warum der Sozialismus um 1990 in eine solch tiefe Krise geriet, dass er in Europa verschwand. Man kann sich die Erklärung einfach machen wie die (west)deutsche Regierung (1): Der Sozialismus ging an seiner Uneffektivität zugrunde. Wir wussten das schon lange! Oder wie dieser oder jener Ewiggestriger aus der DDR: An allem sind Gorbatschow und Honecker schuld.
Es scheint mir dagegen wichtig, dass man ergründet, welchen Anteil am Ende des Sowjetsozialismus eine unfähige Führungsschicht hatte, welche Grundsätzlichkeiten falsch waren und ob der Kapitalismus beteiligt war. Um zu wissen, welche grundsätzlichen Fehler beim nächsten Versuch zu einer besseren Gesellschaft vermieden werden müssen.
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Auf allen Ebenen wurden Leiter nur von oben her berufen. Im Normalfall gab es nicht mal Auswahlverfahren, sondern ein Vorgesetzter bestimmte, wer berufen wurde. Kein Wunder, daß der schleimende Typ ohne Fantasie Normalfall war als Leiter (3). Auch kein Wunder, dass all diese Leiter 1989 auf Anweisungen von oben warteten, statt aktiv zu werden.
Aber es hing nicht nur am Mangel an Persönlichkeiten. Marx hatte eine ganze Menge ökonomischer Zusammenhänge offengelegt, die in seiner kapitalistischen Gesellschaft wirkten. Er selbst bezeichnete sie als universell - in der DDR aber galten sie ausschließlich für den Kapitalismus. Eine objektive und kritische Anwendung auf die DDR galt als politisch bedenklich bis zu strafrechtlich relevant und wurde daher heftig unterdrückt. Natürlich konnte man so nicht zu realistischen Erkenntnissen über den Zustand der DDR-Gesellschaft kommen (4). Und erst recht nicht auf die kritische Entwicklung von 1988 an reagieren. Es gilt noch ein Drittes: Im Sozialismus wurde vieles in Moskau geregelt, was man im Kapitalismus dem Gutdünken des Einzelnen überließ. Das war kein Detail, das war Prinzip. Damit vermied man unnötige Vielfalt, wo sie nicht erforderlich war; damit bekamen aber auch staatliche Fehlentscheidungen landesweiten Charakter. Im Ganzen verlief der technische Fortschritt langsamer; oft auch übersichtlicher und kontrollierbarer. Eben anders als im Kapitalismus. Er musste langsamer verlaufen! - Das entsprach jedoch nicht den Voraussagen der Sozialismus-Theorie!
In historisch kurzer Zeit sollte der Sozialismus alle Völker von sich überzeugen. Dazu musste er nicht nur humaner, er musste auch effektiver als der Kapitalismus sein. Er musste die besseren Waren schneller und billiger produzieren können! Etwa seit der Mitte der 60er Jahre nahm man in Angriff, Leistungsprinzipien in die Wirtschaft einzubringen. Also Prinzipien, die als Maßstab der Arbeit deren Verkaufswert setzten. Es dauerte gewiss über zehn Jahre, bis sich Probleme im großen Maßstab zeigten: Entweder bauten die Betriebe einen neuen Betriebskindergarten, oder sie kauften für das Geld eine hocheffektive Maschine. Das Problem stand grundsätzlich vor jedem Betriebsleiter, vor jeder Betriebsparteiorganisation. Anfang der 80er Jahre war klar, dass man nur dann effektiver arbeiten konnte als der Westen, wenn die Priorität eindeutig bei der neuen Maschine lag. Nicht nur der Betriebskindergarten kam unter die Räder, auch Kantine, Werksgebäude, Transporttechnik!
Das Leistungsprinzip ist im Kapitalismus bis ins letzte Detail durchgesetzt. Wollte man nicht alle sozialistischen Errungenschaften aufgeben, musste man Abstriche daran machen. Auch damit war Westniveau prinzipiell nicht mehr erreichbar. Im Gegenteil, der Leistungsabstand musste mit der Zeit wachsen. Da man nicht erkannte, dass es sich um ein Grundsatzproblem handelte, orientierte man andererseits das Volk darauf, dass kapitalistischer Lebensstandard nur noch eine Sache weniger Jahrzehnte und hoher Zusatzleistungen sei. In den 80er Jahren wurde das Vergleichen perfektioniert: In der DDR wurde eigentlich jedes Produkt am Weststandard gemessen.
Das Schweigen der Regierung zu den Massenfluchten 1989 war wohl der eigentliche Anlass für die Wende. Die Ursache aber dürfte gewesen sein, dass Unmögliches versucht wurde. Also dass auch ohne die Lügenseite 3 im Neuen Deutschland diese Art von Sozialismus zum Scheitern verurteilt war: Ein Sozialismus mit kapitalistischer Produktionsweise.
Es war damals für die allermeisten ganz sicher nicht vorauszusehen, welche Folgen die Entscheidung für das Leistungsprinzip haben würde. Das Leistungsprinzip stand im Widerspruch zur Orientierung auf die Bedürfnisse der Menschen! Eines ging auf Kosten des anderen! Es war im Prinzip eine Absage an das Grundprinzip des Sozialismus: Im Mittelpunkt aller Tätigkeit steht der Mensch.
Aber es gab doch immer noch die dominierende Rolle des Volkseigentums? - Ja gewiss. Doch wo lag der Unterschied zum westlichen Staatsbetrieb? Die Bezeichnung Volkseigentum traf einfach nicht zu. Den Eigentümer erkennt man an einer grundsätzlichen Verfügungsgewalt über eine Sache. Aber das DDR-Volk (und auch das anderer sozialistischer Länder) hatte wirklich keinerlei Einfluss (5) darauf, was die Regierung mit diesem Volkseigentum tat.
Mit den Worten der vergangenen Gesellschaftsform: Im Sozialismus gab es auch Klassen, die sich unterschieden durch ihre Stellung zu den Produktionsmitteln:
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Die selbständigen Handwerker (offiziell eigentlich ein Relikt und demnächst abzuschaffen) waren dabei die potentiellen Bündnispartner der SED-Kader:
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Die Arbeiter und Bauern hatten keinen Interessenvertreter mehr. Als sie sich mit dem Neuen Forum einen solchen schufen, überrollte sie die Geschichte. Ehe das Neue Forum zu einem Machtfaktor werden konnte (7), griff die bestens organisierte Klasse der (westlichen) Kapitalisten zu und übernahm die Macht. Das Neue Forum lief ins Leere.
1998